Erwartungswert \(E(X)\)

Der Erwartungswert einer diskreten Zufallsvariable \(X\) ist der gewichtete Mittelwert aller möglichen Werte, wobei die Gewichte die zugehörigen Wahrscheinlichkeiten sind.

Erwartungswert
\(E(X) = \sum_{i=1}^{n} x_i \cdot P(X = x_i)\)

Man spricht auch vom „erwarteten Wert" oder \(\mu\) (Mu).

Beispiel: Fairer Würfel

\(X\) = Augenzahl. Alle Werte haben die Wahrscheinlichkeit \(\frac{1}{6}\).

\(E(X) = 1 \cdot \frac{1}{6} + 2 \cdot \frac{1}{6} + 3 \cdot \frac{1}{6} + 4 \cdot \frac{1}{6} + 5 \cdot \frac{1}{6} + 6 \cdot \frac{1}{6} = \frac{21}{6} = 3{,}5\)

Im Durchschnitt erwartet man also eine Augenzahl von 3,5.

Interpretation: Der Erwartungswert muss kein tatsächlich möglicher Wert der Zufallsvariable sein! Beim Würfel kann man keine 3,5 würfeln – aber im Mittel über viele Würfe ergibt sich dieser Wert.

Varianz \(\text{Var}(X)\)

Die Varianz misst, wie stark die Werte einer Zufallsvariable um den Erwartungswert streuen. Je größer die Varianz, desto weiter liegen die Werte im Durchschnitt vom Erwartungswert entfernt.

Varianz – Verschiebungssatz
\(\text{Var}(X) = E(X^2) - (E(X))^2\)

Auch: \(\text{Var}(X) = \sum_{i} (x_i - E(X))^2 \cdot P(X = x_i)\)

Beispiel: Fairer Würfel

Wir wissen: \(E(X) = 3{,}5\).

\(E(X^2) = 1^2 \cdot \frac{1}{6} + 2^2 \cdot \frac{1}{6} + 3^2 \cdot \frac{1}{6} + 4^2 \cdot \frac{1}{6} + 5^2 \cdot \frac{1}{6} + 6^2 \cdot \frac{1}{6} = \frac{91}{6} \approx 15{,}17\)

\(\text{Var}(X) = \frac{91}{6} - 3{,}5^2 = \frac{91}{6} - \frac{49}{4} = \frac{182 - 147}{12} = \frac{35}{12} \approx 2{,}92\)

Standardabweichung \(\sigma\)

Die Standardabweichung ist die Wurzel der Varianz und hat dieselbe Einheit wie die Zufallsvariable selbst.

Standardabweichung
\(\sigma = \sqrt{\text{Var}(X)}\)
Beispiel: Fairer Würfel (Fortsetzung)

\(\sigma = \sqrt{\frac{35}{12}} \approx 1{,}71\)

Die Werte weichen im Durchschnitt um ca. 1,71 vom Erwartungswert 3,5 ab.

Rechenregeln

Für Konstanten \(a, b \in \mathbb{R}\) gelten:

RegelErwartungswertVarianz
Lineartransformation\(E(aX + b) = a \cdot E(X) + b\)\(\text{Var}(aX + b) = a^2 \cdot \text{Var}(X)\)
Summe (unabhängig)\(E(X + Y) = E(X) + E(Y)\)\(\text{Var}(X + Y) = \text{Var}(X) + \text{Var}(Y)\)

Beachte: Bei der Varianz fällt die additive Konstante \(b\) weg, und der Faktor \(a\) wird quadriert! Eine Verschiebung ändert die Streuung nicht, eine Skalierung schon.

Übungen

Aufgabe 1Leicht

Eine Zufallsvariable \(X\) nimmt die Werte 0 und 1 an mit \(P(X=0) = 0{,}4\) und \(P(X=1) = 0{,}6\). Wie groß ist \(E(X)\)?

Aufgabe 2Mittel

Eine Zufallsvariable hat die Werte 1, 2, 3 mit \(P(X=1) = 0{,}2\), \(P(X=2) = 0{,}5\), \(P(X=3) = 0{,}3\). Berechne \(E(X)\).

Aufgabe 3Mittel

Gegeben: \(E(X) = 5\) und \(\text{Var}(X) = 4\). Wie groß ist die Standardabweichung \(\sigma\)?

Aufgabe 4Schwer

Gegeben: \(E(X) = 3\), \(\text{Var}(X) = 2\). Wie groß ist \(\text{Var}(2X + 1)\)?

Aufgabe 5Schwer

Eine Zufallsvariable \(X\) hat \(E(X) = 4\) und \(E(X^2) = 20\). Wie groß ist \(\text{Var}(X)\)?

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